Touching Music

Touching Music möchte den modernen Musikunterricht ergänzend mitgestalten und dabei neue Technologien nutzen, um fernab von konventionellen Strukturen Richtungen zu erkunden. Grundlegendes Ziel ist hierbei die künstlerische Förderung der Kinder und Jugendlichen durch die gemeinsame Konzeption, Produktion und Ausführung selbst komponierter Musik. Das Erlernen des Umgangs mit Sounds in einer neuen Form, die auch den kritisch kreativen Umgang mit der eigenen Umgebung durch Aufnahmen, Integration und Bearbeitung von Alltagsklängen einschließt.

Was ist ein DJ eigentlich?

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Das Erste was man feststellt, wenn man mit einer Gruppe von Jungs im Alter von 11 Jahren, die alle angeben HipHop zu hören, einen DJ-Kurs beginnen will, ist, dass sie alle glauben zu wissen, was ein DJ ist. Sie können die Bewegungen die ein DJ macht auswendig, was genau er da tut und vor allem warum, ist ihnen aber ein Rätsel. Es geht, wie so oft, um das Bild, das sie aus YouTube kennen. Die Hände in der Luft, das Armwedeln, das wilde Rumscratchen, auf den Plattentellern (besser gesagt, den Jogwheels des Controllers).

Die Aufgabe für die erste Stunde war, ein wenig unerwartet, weil man doch immer annimmt, Kids wollen DJs werden, das Brechen dieses Bildes.

King Rider, Jordan, Milljonair und Enno sind eine wilde Truppe. Tanzen gerne auf den Tischen, machen Posen, sind laut und wollen YouTube Stars werden. Konzentration, Zuhören, Lernen wie etwas geht, bevor man sich ans Equipment wagt, steht erst mal nicht auf ihrem Plan.

Ein DJ mischt zu allererst mal verschiedene Stücke Musik so zusammen, dass der Übergang zwischen den Stücken nicht so auffällt und die Menschen trotzdem oder gerade weil der Übergang so schön war, weiter tanzen. Diese Idee zu übertragen auf die Vorstellungen der Kids, die DJs als Pose in Videos kennen, nicht als jemanden, der im Besitz einer Technik fähig ist, andere zu etwas zu bewegen, ist nicht einfach zu vermitteln.

Der Plan, Erklären was ein DJ wirklich tut, einführen in die verschiedenen Möglichkeiten mit einem iPad aufzulegen (mit, ohne Controller, möglicherweise verschiedene DJ-Apps zeigen).

Wie schon in anderen Stunden hätte ich mir gewünscht, die Jogwheels, offensichtlich die Attraktion am blinkenden Controller, wären nicht da. Nach vier Runden Erklärung welche Regler am Controller für was genau da sind, fanden sie die Richtigen dennoch nur selten. Merke: immer mit den geringsten Möglichkeiten anfangen. So beeindruckend ein großer Controller auch sein mag (blinkt, leuchtet, hat viele Tasten), er lenkt am Anfang einfach nur ab. Und der Magnet ist dann eben das größte Ding, die Jogwheel, ein Verhängnis für jeden Anfänger, denn Scratchen ist am Ende die hohe Kunst des DJens, die ganz zum Schluss kommt, wenn überhaupt.

Traktor DJ auf dem iPad war definitiv die bessere Wahl, auch wenn die übereinander statt nebeneinander liegenden Tracks der Stücke zunächst etwas verwirrend schienen. Und überhaupt: man mixt zwei Stücke zusammen? Ja, das macht ein DJ! Natürlich hatte ich – ohne den Musikgeschmack der werdenden DJs zu kennen – zunächst alle ins kalte Wasser geworfen, mit Stücken, die sie nicht kannten, einer Musikrichtung, die sie nicht kannten (Bass) und sie zwar zum Tanzen brachte, aber logischerweise auch das Frustrationslevel erhöhte.

Wo fängt da was an? Was passiert in dem Stück? Welches Stück passt zu welchem? Das alles sind Fragen, die man als DJ internalisiert hat und die natürlich voraussetzen, dass man die Musik, das Genre der Musik, die internen Funktionalitäten kennt. Nichts was man von den DJ-Frischlingen erwarten könnte. Aber es sollte ja vor allem darum gehen, ihnen einen ersten Einblick in die Funktionsweise von DJ-Programmen zu geben. Die Idee noch andere zum Vergleich heranzuziehen, hatte ich im Laufe der Stunde schon verworfen, da sie nur noch mehr Verwirrung gebracht hätte.

Die Aufgabe war grundlegender. Wie gleicht man Lautstärken an, was sind Mitten, Höhen, Bässe und wie passen sie in einen Mix. Was ist ein Mix überhaupt und warum zum Teufel hört man manchmal gar keine Musik obwohl das Stück läuft (Crossfader auf der falschen Seite, ist fast immer Schuld). Was einem selbst intuitiv erscheint, jeden Regler mit einer bestimmten Veränderung der Soundqualität zu verbinden, müssen sich die Kinder erst mal langwierig aneignen, da ihr üblicher Umgang mit Musik vor allem auf die Start- und Stopp-Tasten bei YouTube und auf dem Telefon konzentriert ist, vielleicht noch auf den Lautstärke-Regler.

Stück für Stück haben wir die Funktionalitäten von Traktor DJ erkundet, Volume, Equalizer, Effekte, Loops… Nach der ersten Stunde hatten auch alle sicher die Effekte in Traktor DJ erkannt und eingesetzt, wussten ab und an wie man einen Loop macht und wofür der zu benutzen sein könnte, wussten, dass es nicht um einen Kampf der Lautstärke geht, sondern darum etwas aneinander anzugleichen, und Enno (ständig nebenher mit der Kamera unterwegs) wusste, eigentlich will er lieber Video als Sound machen, weshalb wir noch eine Runde Einführung in VJing mit Vjay eingeschoben haben.

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Gleiches Prinzip. Ähnliche Regler, nur eben mit Videos, statt mit Sound. Ein großes Manko der App (pure Verführung zum audiovisuellen Chaos) ist allerdings, dass die Clips grundlegend erst mal Sound und Video zusammen mischen. Da hilft es auch wenig, wenn man erklärt, dass ein VJ nur Videos macht, keinen zusätzlichen Klangbrei und versucht den Stressfaktor durch runterregeln die Lautstärke der App zu minimieren.

Als am Ende der Stunde dann noch Snoop Dogg in einem der Clips, die VJay als Beispiel-Videos bereit legt, auftauchte, war klar: da bleiben wir. Endlich HipHop gefunden im Unterricht, eine Heimat. Endlich einen Star, den alle kennen und lieben. Und wir einigten uns drauf, dass jeder für die nächste Stunde seine Lieblingstracks aufschreibt, damit wir beim nächsten Mal mit Musik arbeiten können, die sie „auswendig“ kennen.

Randnotiz: Kinder in diesem Alter schreiben Musik nicht wirklich nach Künstlern und Titeln auf, Künstler auch gelegentlich nicht mit ihrem wirklichen Namen und im speziellen Fall der Art von HipHop die sie hören, auch nicht unbedingt den Hauptact, sondern gerne den Feature-Act.

Generell gilt aber die offizielle Schreibweise: wenn ich das so bei YouTube eingebe, dann kommt das als erstes (oder zweites). Bewaffnet mit einer dennoch nicht gerade leicht zu identifizierenden Liste an Popstücken mit einer gewissen HipHop-Affinität und Raptracks ging ich aber im guten Gefühl nach Hause, die Kids haben ein wenig mehr verstanden, was ein DJ macht und dass er wirklich seine eigene Musik zum Auflegen braucht, die übrigens – nicht überraschend – nahezu bei allen gleich war.

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