Touching Music

Touching Music möchte den modernen Musikunterricht ergänzend mitgestalten und dabei neue Technologien nutzen, um fernab von konventionellen Strukturen Richtungen zu erkunden. Grundlegendes Ziel ist hierbei die künstlerische Förderung der Kinder und Jugendlichen durch die gemeinsame Konzeption, Produktion und Ausführung selbst komponierter Musik. Das Erlernen des Umgangs mit Sounds in einer neuen Form, die auch den kritisch kreativen Umgang mit der eigenen Umgebung durch Aufnahmen, Integration und Bearbeitung von Alltagsklängen einschließt.

Team 46 – The Second Coming

Der Plan war gut. Wenn auch ein wenig überzogen für eine zweite Stunde. Die Grundidee war: wir haben in der ersten gelernt wie Loops funktionieren und wie man daraus einen Song machen kann, wie man sich gegenseitig mit einfachen Mitteln remixt, die Grundlagen für die erste App waren da, jetzt sollte es darum gehen Apps miteinander „sprechen“ zu lassen und herauszufinden, wie man auch Stimme und Anderes einbinden kann, über die Begrenzungen der jeweiligen Apps hinaus.

Die Apps mit denen ich das zum Laufen bringen wollte: Figure (klar), Loopy HD (für mehr Freiheit in den Loops), Samplr (gewagt, aber wild) und Audiobus (wir wollen ja alle mal Profis werden).

Also zum Einstieg noch mal eine Runde Loops bauen, damit alle sich wohlfühlen. Und alle waren noch mal zwei Kids mehr, denn irgendwie hat sich Touching Music jetzt langsam in der Schule rumgesprochen. Mehr Kinder als Tablets im Unterricht zu haben, ist aber auch immer ein etwas problematisches Ding, denn eins können sie alle nicht wirklich, vermutlich zurecht, warten. Der Mensch ist nicht für die Schlange geboren.

Es musste also zwangsweise etwas chaotischer werden, als die ausgefeilte Idee. Dennoch, die ersten Loops waren schnell gebaut und dann ging es ans Kombinieren. Die Vorstellung, dass da zwei Apps nebeneinander laufen, die eine (Loopy HD) den Sound von der anderen (Figure HD) über eine dritte (Audiobus) aufnimmt, auch erst mal nicht so das Problem, selbst wenn der Audiobus-App-Wechsel über diese Mini-Tasten am Rand nicht gerade sonderlich intuitiv ist. Aber Interfaces sind wie ein Spiel, das ist der Verständnisvorteil von Kindern, den sie gnadenlos ausspielen. Man muss sich da reinfusseln, alles ausprobieren, das muss irgendwie gehen und der Wille ist immer da.

Loopy HD hat ein Interface, das sich fundamental von Figure unterscheidet. Kleine Kreise mit wandernden Blinklichtern am Rund symbolisieren Loops, in der Mitte eine Taste für Start und Stop, reinsliden zum Löschen, reindrehen zur Veränderung der Lautstärke… Für kein Kind ein Problem.

Ich hatte ihnen am Anfang der virtuellen Audiobus-Verknotung erklärt, dass wir versuchen wollen, die Stücke jetzt mit Stimme zu erweitern. Zu früh. Stimme wollen alle. Und nicht erst nach dem merkwürdigen Herumeiern zwischen drei irgendwie verschachtelten Apps, sondern jetzt. Warten, du weißt doch, das geht gar nicht… Merke: niemals den übernächsten Schritt ankündigen, wenn der so verlockend sein könnte, dass man den Zwischenschritt lieber überspringen würde.

Anstatt also über den etwas komplexen steinigen Weg dieser drei Apps am Ende dann noch zur Vierten zu kommen, die ebenso über Audiobus an Loopy angebunden werden sollte, lief die Hälfte der Klasse also erst Mal durch den Raum mit ihren Headset-Micros (sofern wir welche hatten) und hat versucht, da irgendwie (manchmal nicht ganz jugendfreie) Vocals in die Kiste zu bekommen. Raps, Gesang, Songfragmente die sie kannten, Geräusche, aber auch selbst schnell erfunde Texte.

Da – so kurz es einem selber vorkommen mag – das Einbinden von Apps über Audiobus, Tempo angleichen, erklären wie man wirklich aufnimmt und vor allem was als Aufnahme in einem Loop Sinn macht, wenn man am Ende zwölf davon irgendwie koordinieren muss, alles etwas langwierig ist, waren auch plötzlich alle auf einem anderen Stand, denn bei diesem Fusselmenu von Audiobus kann man auch nicht allen gleichzeitig erklären wie das geht, sondern immer nur in „Einzeltherapie“.

Wir verbuchen jetzt mal das einigermaßen funktionierende Handling dieses Post-PC-Verkabelungsersatz-Aufnahme-Voodoos aber schon als Plus. Muss man erst man hinbekommen. Und ein paar hatten am Ende auch kein Problem, ihre Loops wieder in Einzelteile zu zerlegen und mit weiteren Elementen aufzufüttern. Wir könnten aber gut noch zwei Stunden mehr damit verbringen, die Geheimnisse verschiedener Looplängen und warum man damit etwas anfangen könnte, zu ergründen. Warum die Loops so geschnitten werden, wie die Apps in Tandem das tun, warum man den Einsatz gerne ein wenig verpasst, wie man Improvisation über Loops mit im Hintergrund mitlaufenden Aufnahmen verbindet, wann man da wie was löschen muss. Zwei miteinander kommunizierende Musik-Apps miteinander agieren lassen, nachdem man eine Stunde zuvor erst entdeckt hat, dass man mit Tablets überhaupt Musik machen kann, ist ein, sagen wir mal, mutiges Unterfangen, aber nach dem unfehlbaren Einstieg mit einer App wie Figure, auf der immer irgendwas geht, ist es auch nicht falsch, mit der „geht-auch-komplizierter“ Idee um die Ecke zu kommen.

Ich kann jedem empfehlen, gelegentlich gewagter an die Konzeptionierung eines Unterrichts wie diesem heranzugehen, denn gerade an den Dingen, die nicht so laufen, wie man es sich überlegt hätte, lernt man mehr über die Fähigkeiten und Möglichkeiten des Verständnisses von Kindern, als mit einfachen Schritten. Gelegentlich.

Aber was ist ist jetzt mit Stimme! „Das nimmt nix auf!“

Eingebunden über Audiobus will Loopy HD natürlich keine Vocals aufnehmen. Da kann man die Loop-Aufnahme so oft starten wie man will. Also wieder entkoppeln die Apps und dann zusätzlich Stimmen dazu. Ein paar haben es gemeistert, und sogar den nächsten Schritt (Königsdisziplin Samplr nutzen und über Audiobus aufnehmen) hat ein Kind nicht mit seiner Komplexität verwirren können.

Samplr gehört zu diesen Apps, für deren innovatives Handling von Samples man sich begeistert, wenn man sich so tief reingelegt hat, dass man weiß, was dieses tückisch täuschend einfache Interface eigentlich von einem will. Das ist kein „mach deine Stimme mal mickymousemässig“-Sampler mit dem selbst der piepsigste Sound auch mal Grummeln kann, das ist die hohe Kunst des Samplings auf verschiedensten Ebenen. Auf der einfacheren Ebene aber taugt Samplr auch dafür, Stimmen und deren Fragmentierung und Verwandlung zu Spaß zu verwandeln, selbst wenn man nicht genau weiß, was man da eigentlich tut und als zusätzlicher Soundeffekt in einer Reihe von Loops erfrischt das ungemein.

Mit vielen Kindern in einem Raum Stimmen aufzunehmen ist allerdings nicht einfach, nicht zuletzt, wenn man nur Kopfhörer mit kleinen Mikrofonen im Kabel hat, oder eben einfach nur das eingebaute iPad-Mikro. Da zerrt schnell alles, oder das drumherum macht zu viele Nebengeräusche. Intuitiv haben sich die Kinder, die mit Stimmaufnahmen beschäftig waren, aber dann auch von selbst quer durch den ganzen Kunstraum verteilt, um mehr Raum für ihre Experimente zu haben, den anderen mit ihren Vocals nicht ganz so in die Quere zu kommen und ihre Aufnahmen mehr zu dem zu machen, was sie eigentlich wollten.

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Statt konzentrierter Arbeit aller an einem definierten Ziel, war nach einer Stunde also eher großes Gewusel im Klassenraum. Aber produktives. Denn während drei Kids hin und her liefen um Vocals einzusingen, einzuflüstern, und gelegentlich zu kreischen und kichern, waren die beiden Neuzugänge mit ihren ersten Loops beschäftigt, zwei hatten sich zu einem Team zusammengeschlossen um die Remix-Idee der letzten Stunde weiterzuführen und einer setzte sich dran, die Tiefen von Figure so auszuloten, dass die App seine Ideen von Sound viel genauer umsetzt.

Und 5 Minuten vor Schluss – weil einem Kind das App-Icon aufgefallen war („darf ich die App?“) – fiel auch mir glücklicherweise noch die fünfte Aufgabe für die heutige Stunde ein, die ich aber sowieso ans Ende der Stunde setzen wollte: ihr müsst alle noch schnell Avatare für euch bauen. Kinder bauen übrigens gerne Avatare. Die kennen das von ihren Game-Konsolen und verlieren sich auch schon mal eine Stunde im Zusammenpuzzeln der verschiedensten Möglichkeiten ein Gesicht, einen Ausdruck entstehen zu lassen, der irgendwie etwas darüber sagen kann, was und wie sie sind. Ich hab schon Kinder stundenlang Nasen austauschen sehen, weil keine DIE Nase war. Eigentlich ein Wunder, dass wir 5 Minuten nach Schluss, (oops), für alle einen hatten.

Nachdem in der ersten Stunde eine App für alles da war, in der zweiten eh schon viele neue vorgestellt wurden, war der Damm auch gebrochen sich jetzt doch mal selbständig anzusehen was sonst noch da rumliegt mit dem man spielen könnte. (Alles pädagogisch wertvoll natürlich, auf seine Weise, denn selbst wenn es das ein oder andere Spiel ist, hat immer alles mit Musik zu tun). Eine knappe halbe Stunde später, waren die Kids immer noch nur schwer von ihrer Entdeckungsreise zu lösen, auch wenn ich längst alles Equipment bis auf die Tablets eingeräumt hatte. Sind die Grenzen zwischen Unterricht und Spiel erst mal so verflossen, spielt Zeit einfach keine Rolle mehr.

Tatsächlich hatten wir mit den etwas ausufernden Unterrichtsinhalten nur Zeit einen Song aus den Loops von einem Kind wirklich improvisieren zu lassen und zu einem „fertigen“ Stück zu machen. Die Samplr-Queen hatte mit ihren über Audiobus aus Figure aufgenommenen Loops, Samplr-Stimmfragmenten und zusätzlichen Stimmtexten aber noch nicht genug, sondern wollte auch noch die Soundeffekte einer Halloween-App (jahreszeitenbedingt hatten wir die man mit) darüber streuseln. Aber man hört am „Halloween Mix“ des „Figure-Loopy-Samplr Jams“ deutlich, dass die nachträglich erstellten Edits ziemlich genau dem entsprechen, was in der Stunde an Musik erfunden wurde. Die 11 Tracks von „Team 46 – The Second Coming“ sind diese Woche definitiv mein Lieblingsalbum.

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