Touching Music

Touching Music möchte den modernen Musikunterricht ergänzend mitgestalten und dabei neue Technologien nutzen, um fernab von konventionellen Strukturen Richtungen zu erkunden. Grundlegendes Ziel ist hierbei die künstlerische Förderung der Kinder und Jugendlichen durch die gemeinsame Konzeption, Produktion und Ausführung selbst komponierter Musik. Das Erlernen des Umgangs mit Sounds in einer neuen Form, die auch den kritisch kreativen Umgang mit der eigenen Umgebung durch Aufnahmen, Integration und Bearbeitung von Alltagsklängen einschließt.

Ein leichter Einstieg in die Welt der Inputs und Outputs

Wer mit Kindern an Tablets arbeitet, wird irgendwann unweigerlich zwei Dinge feststellen. Sie lieben das Touchinterface und kommen instinktiv sehr schnell damit klar, was Fortschritte in dem vorgenommenen Thema (bei uns Musik) sehr begünstigt, aber irgendwann zücken sie die Kamera und sind davon ebenso begeistert.

Das ist nicht nur rechtlich ein Problem, denn viele Schulen erlauben es zu Recht nicht, dass man in ihnen Fotos schießt, sondern auch eine große Ablenkung von dem was man vorhatte. Natürlich lässt sich die Kamera-App und auch der Zugriff andere Apps auf die Kamera in iOS (und Android) abstellen und sichern, aber nicht zuletzt haben wir Erklärvideos ja auch als Hauptfokus gewählt und brauchen den Zugriff also nicht nur, sondern wollen ihn auch.

Eine Methode die Kamera nicht nur für wilde Schnappschüsse und die Befreiung vom üblichen Kamera Verbot in Schulen zu nutzen, ist der produktive Einsatz der Kamera als Musikinstrument. Darüber hinaus ermöglicht es einem, den Kindern beizubringen, dass nicht alles nur auf dem Screen stattfinden muss, sondern die Umgebung ebenso einbezogen werden kann.

Ein iPad ist ein Gerät, das mit vielen Inputs und Outputs arbeitet. Wir bevorzugen zum Einstieg immer einfache Apps, die sich leicht mit den Fingern bedienen lassen, und Kopfhörer, damit die Kinder sich ganz auf die Erzeugung von Klängen konzentrieren können.

Der zweite Schritt ist aber immer auch die Öffnung der In- und Outputs und dann kommt die Kamera ins Spiel.

Leider gibt es nicht mehr so viele einfache spielerische Umsetzungen der Kamera als Musikinstrument wie am Anfang zu Zeiten der großen Tablet-Begeisterung, weshalb die von uns gerne eingesetzten Apps etwas Staub angesetzt haben. Das gilt definitiv für MadPad. Eine App mit der man kleine Videos von „Dingen die klingen“ aufnehmen kann, oder von sich selbst beim Geräusche machen, die sich dann auf dem Bildschirm als „Musikinstrument“ spielen lassen. Eine ähnliche App dieser Art (auch lange nicht mehr in Entwicklung) ist Mov Beats, das die kurzen Videos mehr als Sequencer ersetzt. Die Freude der Kinder an dieser Erfahrung ist immer groß, auch wenn sie oft beim ersten Zugang unsicher sind, welche Aufnahmen hinterher irgendwie zum Spielen verwendbar sind.

Eins aber leistet die App sicher (Nachfolger Apps wie z.B. Vidibox sind für die ersten Stunden leider etwas zu komplex im Umgang): sie bringt Kinder die die Kamera „entdeckt“ haben, wieder in den Unterricht zurück, ohne dass man ihnen etwas verbieten müsste.

Der zweite Input, den Kinder nicht so leicht entdecken, ist das Mikrophon. Der natürlichste Zugang von Kindern zu Musik ist der Gesang. Den beherrschen sie oft erstaunlich gut und können hier intuitiv auch mit musikalischen Strukturen umgehen, die sonst eher schwer erlernbar sind.

Dieses Schuljahr haben wir zu Anfang gleich drei Methoden erprobt, sich dem Mikrophon zu nähern. Das klassische Mikrophon, das zusätzlich zu den Tablets an das Mischpult angeschlossen wird, um zur erstellten Musik zu singen.

Der Vorteil (haben alle schon gesehen, machen sie gerne, wenn sie eine Vorliebe für Gesang haben) ist hier zugleich auch ein Nachteil. Oft genug kommt es nämlich zu der Situation, dass sich Kinder um den Platz am Mikrophon rangeln. Jeder will plötzlich singen, der Sänger ist der Star, ist doch klar.

Eine weitere Methode sind Apps wie Take, die einem ermöglichen über einen Groove unter dem Kopfhörer mehrere Passagen einzeln einzusingen, die Stimme mit Effekten zu versehen, ungelungene Parts wieder einfach zu löschen und sogar eigene Figuresongs (die wir oft in den ersten Stunden zum Einstieg nutzen) zu verwenden.

Leider ist die Schulinfrastruktur oft nicht so ausgelegt, dass man Figure-Loops, wie es Take verlangt, in die Cloud hochladen könnte, um sie dann in Figure wieder einladen zu können. Die 5 Milliarden, die der technischen Infrastruktur von Schulen bis 2020 zukommen sollen, wären selbst bei solchen Kleinigkeiten aus unserer Sicht gut investiert. 😉

Eine Erfahrung, die man hier oft machen kann, ist, dass Kinder fähig sind, ihnen bekannte Musikstücke beim Singen in die vom Groove verlangte Tonart und das entsprechende Tempo zu transponieren, selbst wenn es, wie bei unseren Beispielen hier, nur marginale tonale Elemente als Grundlage gibt. Eine Fähigkeit, die man im Umgang mit Instrumenten dann erst erlernen muss. Die Kinder können so aber darüber hinaus auch lernen, dass ihre Musik als Grundlage für Songs dienen kann, die sich so nicht erwartet hätten.

Natürlich lässt sich das umgehen, indem wir unser eigenes Netz mitbringen, aber wir setzen das explizit auch eher vorsichtig ein, da Kinder nicht selten schnell begreifen, dass sie jetzt endlich auch auf das Internet zugreifen können (oft haben sie auf ihren Smartphones nur begrenzte Volumen oder Zugang) und typischerweise landen sie dann sehr schnell bei Musik auf YouTube.

Je mehr eine App allerdings den Umgang mit Stimme auch verfremdet, desto schwieriger ist sie für diese ersten Schritte zu handhaben. In einem anderen Team haben wir so z.B. den Einsatz von Yellofier erprobt, das einem ermöglicht ein Stimmsample in 8 verschiedene Teile aufzubrechen und sie in einer eher perkussiven Stepsequenzer-Umgebung einzusetzen. Der Umgang mit diesen Prozessen (Sampling, Schneiden von Samples, Einsatz in Groovestrukturen) war den Kindern allerdings oft für die ersten Stunden noch zu komplex, und das Ergebnis nicht selten zu weit entfernt von der Stimme um sie als Faktor des Vertrauten noch produktiv einsetzen zu können.

Von Aufnahmen mit Take und auch dem Zusammenspielen mit dem Mikrophon in einer Band-Formation führt dann der Weg schnell zur Anlage: dem nächsten Output nach Kopfhörern. Während das eine zur Konzentration führen kann, zu einer gewissen Ruhe in der Arbeit und dem Umgang mit Musik, ist das andere natürlich eine Einladung zur Bewegung. Laute Musik im Raum kickt einfach, das wissen auch Grundschüler schon.

Wir haben in unseren Kursen diverse technische Grundlagen zum „laut“ Musik hören. Mal bringen wir tragbare Boxen mit, mal verfügen die Räume über eine eigene Anlage, mal befinden wir uns sogar im Musikraum und die Anlage ist obendrein auch noch sehr gut. Die Anwesenheit von Schlagzeug, Klavier oder ähnlichen Musikinstrumenten kann natürlich auch ablenken vom Fokus der jeweiligen Unterrichtseinheit.

Im Idealfall kann man so aber das Erlebnis der selbstproduzierten Musik enorm steigern und den Kindern auf einer weiteren Ebene vermitteln, wie „gut“ oder professionell klingend selbst ihre ersten Schritte sein können.

Dank dieser Vielschichtigkeit von In- und Outputs von Tablets ermöglicht einem der Musikunterricht mit Tablets so aber schon in den ersten Stunden eine Breite im Umgang mit Medien, die man gut als Grundlage für weitere Aufgaben nutzen kann: bei uns vor allem dieses Jahr Tutorials.

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