Touching Music

Touching Music möchte den modernen Musikunterricht ergänzend mitgestalten und dabei neue Technologien nutzen, um fernab von konventionellen Strukturen Richtungen zu erkunden. Grundlegendes Ziel ist hierbei die künstlerische Förderung der Kinder und Jugendlichen durch die gemeinsame Konzeption, Produktion und Ausführung selbst komponierter Musik. Das Erlernen des Umgangs mit Sounds in einer neuen Form, die auch den kritisch kreativen Umgang mit der eigenen Umgebung durch Aufnahmen, Integration und Bearbeitung von Alltagsklängen einschließt.

DJs und HipHop vs. YouTube und ein kleiner Medienexkurs

Enno is a no show. Krank schon wieder. Gut, auf Musik konzentrieren kann ein Vorteil sein. Da ich die Videos des VJs allerdings auch auf das Smartboard projizieren wollte, hatte wir uns das Passwort für den Computer besorgt. Obendrein hatte ich im Verdacht, dass der Rap-Text (kam in ausgedruckter Form) den Enno und Milljonair Rappen wollten, kein eigener war. Naiv wie man sein kann, war mir eher unterbewusst klar, dass der Einbruch von YouTube in den Unterricht vielleicht auch etwas ablenkend sein könnte und nur ein ausgeschalteter Rechner vor der Faszination und dem Willen HipHop-Videos sehen zu wollen, wirklich abhalten kann.

Kurzer Exkurs in den Umgang elfjähriger Jungs mit Medien. Für alle ist YouTube das Leitmedium. Alle wollen YouTube Stars werden. Dort bewegt man sich wie ein Fisch im Wasser der Idiome die ihr Verständnis von Kultur ausmachen. Alle kennen ein Subset von Videos (in diesem Fall HipHop, Pop, Deutsch-Rap, Rap-Komiker und je nach Background gewisse politisch gefärbte Filme, z.B. über Gaza) das ihre Sicht der Welt, vor allem weil sie als Einheiten auch untereinander zirkulieren, stark beeinflusst, vielleicht sogar prägt, aber natürlich auch Fragen aufwirft. Einer von dreien wusste, auf Nachfrage, dass die wohlpositionierte Beats Pill im Video Werbung ist. Dass der Rapper die nicht einfach so gut findet, sondern von Beats dafür bezahlt wird, dass er das Ding verkaufsfördernd und meinungsbildend im Video positioniert, war keinem klar. Beim zweiten Video allerdings – hier war eine Marke verpixelt – hatten sie schon gelernt, dass das irgend etwas mit Werbung zu tun hat. Ein gründlicher Medienunterricht wäre wirklich in der Grundschule mehr als nötig, damit die Kids wenigstens die Grundlagen einer kritischen Distanz entwickeln können.

Keinem war klar, dass die Hood, oder die Crib im Rapvideo nicht einfach ein Abbild der Lebenszustände der jeweiligen Rapper sind, sondern eine idealisierte Version (in dem speziellen Fall, war das Ideal das „Ghetto“). Und es warf Fragen auf wie: darf ich als Nichtschwarzer „Nigger“ sagen? Und was heißt „Nigger“ überhaupt? Sicher waren sie sich in einem: sie selber würden da als Weißer bestimmt erschossen werden. Nicht, dass King Rider oder Jordan sonderlich helle Hautfarben hätten.

Auch der mitgebrachte Text, auf Deutsch, warf ähnliche Fragen auf: darf ich solche Wörter beim Konzert überhaupt sagen? Die direkte Grenzüberschreitung in einem Wort, war dabei übrigens wichtiger als der Inhalt des gesamten Textes: Koks und Nutten. Nicht etwa weil die Kids nicht wissen, dass es Drogen gibt, im Gegenteil, die Menge an Joints im Mund eines Rappers ist eher ein Auszeichnungsmerkmal. Sondern weil sie einen Text eben nicht, ganz abgesehen davon, dass sie englische eh eher in den Momenten verstehen, wo sie einen einfachen Slogan liefern, als ganzes aufnehmen, sondern in Bruchstücken. Lieblingswort meiner Truppe übrigens: Motherfucker.

Medienexkurs Ende.

Wir machten uns also dran, Samples aufzunehmen. Kurze Fragmente von Raps. Auch in der Hinsicht darauf, dass wir einige davon während des Konzertes als Samples einsetzen können. Eine Kakophonie aus Motherfuckern. YouTube-Sprache. Bevor jemand jetzt denkt: ojeh, und steht eine Welle von Aggro-Schöneberg bevor. Motherfucker ist sowohl positiv (Ich bin der Größte Motherfucker!) als auch negativ besetzt (Ich bin der Größte, Motherfucker!).

Medienexkurs Ende. Jetzt aber wirklich.

Es war klar, den Text für den Rap würden wir wohl komplett umschreiben müssen, was ihn aber auch uninteressant macht. Es war auch klar, die gesammelten Samples dürften – zum Schutz der vermutlich in YouTube-HipHop-Umgangstönen nicht sonderlich versierten Eltern – auch nicht unbedingt zum Einsatz kommen. Milljonair erwies sich aber nebenher durchaus als ein Beatbox-Talent. Wir hatten eine neue Passage für unser Konzert entdeckt. Mit Sampler und Loopy zum Einsatz von Samples umzugehen war auch halbwegs intuitiv und die Kinder hatten das ja auch schon vorher gelernt.

Jordan zum Scratchweltmeister aufzubauen war aber dennoch besser auf der Grundlage mitgebrachter Vocalsamples, die, schnell als zweites Element in Traktor DJ eingeladen, bewaffnet mit dem Vorwissen um die Effektsektion und die Freeze-Loop-Playqualitäten schnell zu einem Instrument wurden, das ihm perfekt passte. Während King Rider seine DJ-Skills uneinholbar an Traktor DJ ausfuchste, hat Milljonair versucht, neben den Beatbox-Elementen auch kurze Rappassagen als Samples einzuspielen, die Scheu vor dem Mikrofon und vor allem das Schwimmen in der Improvisation von Texten war allerdings doch eine viel zu große Hürde.

Jordan aber hatte sich in der Zwischenzeit zum (natürlich mit der technischen Hilfe, die modernes DJ-Equipment so mit sich bringt) zum digitalen Turntableisten entwickelt.

Wir hatten jedenfalls nach der vierten Stunde nicht nur einen Einblick in die medialen Brachstellen und die eigenwillige Faszination die YouTube auf Kids ausübt, sondern auch eine gute Grundlage für das Konzert. Einen sehr intuitiven Turntableisten, der aus seinem Material wirklich das beste macht und einen DJ, der in seinen Mixen immer mehr wagt, aber dabei dennoch den Flow perfekt zusammenhält.

Übrigens: Alle iPads sind jetzt auch was den Bildschirmhintergrund betrifft auf HipHop gepimpt.

 

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